Präsenskultur im Management - geht`s auch anders?

Neulich auf einer Veranstaltung erzählte mir eine gute Bekannte, wie cool sie die Sache mit der Zeitkultur in Schweden findet.


Ihr Mann ist ein erfolgreicher Vertriebsprofi im Medizinsektor und arbeitet weltweit. Vor kurzem hatte er einen Workshop mit Chefärzten in Schweden.


Völlig beeindruckt war er, dass die Chefärzte Ole und Sven morgens mit dem Radl

kamen, dementsprechend auch ihr Outfit nicht so business-like war und sie schwungvoll erzählten, dass sie gerade noch ihre Kids in die Kinderkrippe gebracht hätten.

 

Als man dann so über den Tag miteinander im Tun war, stieg die Unruhe nachmittags gegen 16- 17 Uhr. Von Chefarzt Knut kam der klare Hinweis dass er nun los müsse, schließlich sei ja die Kinderkrippe bald aus und er würde jetzt seinen Sohn abholen.

Weg war er. Unnötig zu erwähnen, dass ihm die anderen Chefärzte alsbald nachfolgten.

Dies ist offensichtlich in Schweden nichts Außergewöhnliches.

 

Matthias Horx, der bekannte deutsche Zukunftsforscher, betonte diesen Sommer in einem Artikel in der Zeitschrift Fokus: „In Skandinavien gelten Führungskräfte als Minderleister, wenn sie um 17 Uhr noch immer am Schreibtisch sitzen“. 


Cool – aber bei uns in Deutschland undenkbar! Geht gar nicht! Ja, leisten denn die da oben in Skandinavien überhaupt auch was!?

 

Schnell entstehen die klassischen Bilder dazu im Kopf: Wer echte Verantwortung als Führungskraft trägt, leistet dies in Deutschland in einer mindestens 60-Stunden-Woche. Darunter: nicht machbar. Natürlich sind genau deswegen die top ausgebildeten Frauen meiner Generation auch nicht Vorstand. Wie auch ? Die bringen am frühen Abend die Kinder ins Bett. Oder sind – wie auch die Generation Y – beim Sport, in der City etc. Also verzichten wir auf die schlauen Köpfe der Frauen und der Generation Y?
Und dann? Mehr vom selben? Das ist wohl nicht mehrheitlich gewollte Lösung.

 

Was gilt es zu verändern? Wo kann man ansetzen?

 

Aus meiner eigenen langjährigen Führungserfahrung denke ich bei dem Begriff „Präsenskultur“ an 3 Ansätze. Hier braucht es radikale Änderungen:

 

1. Abbau der Anwesenheitskultur

 

Es ist weiter zu einem Großteil in Deutschland schwer vorstellbar, dass Führungskräfte aus dem Home Office erfolgreich agieren. Obwohl:nicht nur aus meiner eigenen Erfahrung als Leiterin einiger Großprojekte in namhaften Konzernen weiß ich, dass es auch anders geht.

Sehr gut konnte ich Telefonkonferenzen aus dem Home Office durchführen. Tools für Web-Konferzenzen wie z.B. Microsoft Lync machen`s möglich. Was stets überzeugt, ist das Ergebnis, sind klare, fundierte Entscheidungen und Konzepte, die durchdacht und in Top-Qualität ausgearbeitet sind. Das geht auch außerhalb vom Büro. Mein Vorschlag: weg von der Anwesenheitskultur hin zu mehr Vertrauenskultur.

 

2. Lange Arbeitszeiten auf dem Prüfstand

 

Automatisch verbunden mit der Rolle als Führungskraft ist die Anforderung, deutlich mehr Stunden zu leisten als die Tarifangestellten. Wird damit das hohe Gehalt gerechtfertigt? Vermehrt wird hinter vorgehaltener Hand schon von „Schmerzensgeld“ gesprochen.

Bei der gegenwärtigen Taktung und weiter steigenden Leistungsverdichtung macht das vielen keinen Spaß mehr.

Wenn ich mich so umhöre , finden die wenigsten ihre Erfüllung in 60-80 Stunden - Wochen. Gesund ist`s eh nicht. Die Generation Y signalisiert klar, dass sie sich darauf nicht einlässt. Für hochqualifizierte Mütter ist es wegen ihres „Nebenjobs“ Kind eh ein „no go“. Oder Kinder werden komplett „outgesourced“ – wohl eher die Ausnahme in Deutschland...

 

Genaueres Hinschauen und Erforschen der Ursachen für die langen Arbeitszeiten der Chefs lohnen hier. Meine Erfahrung zeigt, dass es hierzulande eine ausgeprägte "Besprechungskultur“ gibt. Dennoch sind zahlreiche Besprechungen unnötig. Stattdessen: schlanke Telefon- oder Mailabstimmungen. Auch ein wirklich konsequentes Einhalten der Besprechungsregeln hilft, die Dauer zu reduzieren.

 

Außerdem:

 

3. Präsenskultur: geht es um das Selbst oder die Sache?

 

Schon häufig habe ich als Führungskraft in Besprechungen erlebt, dass es dem einen oder anderen Teilnehmer wichtig war, sich zu positionieren. Dieser Bedarf steigt mit zunehmender Hierarchieebene.

Gerade in Workshops mit Managern der obersten Ebene braucht`s da Fingerspitzen-gefühl, aus Zeitgründen auf die Agenda zu verweisen. Klappt mit einem freundlichen Zwinkern in der Regel sehr gut: an einer effizienten Entscheidungsfindung ist natürlich allen gelegen.

 

Dies sind selbstverständlich erste Impulse und Denkanstöße. Allerdings erscheinen in den Medien derzeit vermehrt Studien und Best-Practice-Fälle, die beweisen, dass es geht.

 

Wir sind auf einem guten Weg!


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